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3. Funktionsweise der Lernsoftware

3.1. Das Grundprinzip

Die Grundlage heutiger Lernsoftware bildet die Erkenntnis,  dass Gedächtnis am besten aufgebaut wird, indem der Inhalt in Abständen erfolgt (spaced repetition). Schon papierbasierte Karteikartensysteme wie das Leitner -System nutzten dieses Prinzip sehr systematisch (Sebstian Leitner, 1919-1989). Dem gegenüber kann natürlich eine digitale Verwaltung von Karteikarten noch erheblich mehr leisten. Das Grundprinzip ist jedoch sehr einfach: Wurde eine Karte richtig beantwortet, so verlängert sich das Intervall bis zur nächsten Vorlage. Wurde sie falsch beantwortet, so verkürzt sich dieses Intervall.

Karteikartensoftware (häufig auch etwas einschränkend Vokabeltrainer genannt) benutzt dafür unterschiedliche Algorithmen, die z.T. unter Verschluss gehalten werden, z.T. öffentlich zugänglich sind. In der von uns favorisierten software FCD sind die einzelnen Parameter dieser Lernalgorithmen vom Nutzer direkt veränderbar. Auch die freeware Anki ermöglicht dem Benutzer diverse Einstellungen, während das in der Vollversion kostenpflichtige Programm memrise dem Benutzer keine Individualisierung gestattet.

In jedem Fall steuert der Benutzer die Lerngeschwindigkeit dadurch, wie viele neue Wörter er lernt. Der erste Schritt besteht nämlich darin, dass ein Wort aus der passiven Warteposition in den pool der einmal gelernten Wörter aufsteigt. Dort angekommen, wird das Wort z.B. auf ein Intervall von 20 Stunden gesetzt. Es wird also am nächsten Tag zum Wiederholen angeboten. Bei “richtig” wird das Intervall mit einem Faktor über 1 (zum Beispiel 1,4) malgenommen, und das Wort wird in 28 Stunden wieder angeboten. Bei “falsch” wird das Intervall mit einem Faktor unter 1 multipliziert (z.B. 0,5), es wird also in 10 Stunden erneut angeboten. Liegt das Intervall nach mehreren Wiederholungen z.B. bei 40 Tagen, erhöht es sich durch “richtig” auf 48 Tage, wähend es sich durch “falsch” auf 20 Tage reduziert. Ein idealer Verlauf sähe so aus (Antwort immer “richtig”, Faktor 1,4; Zeiten gerundet, anfangs Stunden, dann Tage):

20 h

28 h

39 h

55 h

77 h

4 d

6 d

9 d

12 d

17 d

24 d

34 d

47 d



Es benötigt also immerhin 12 Wiederholungen, um im Bereich des stabilen Langzeitgedächtnisses anzukommen und das Wort einigermaßen von der Backe zu haben. Ausgefeilte Programme unterscheiden noch genauer und benutzen z.B. eine Kategorie “sehr sicher”. Wenn der Benutzer angibt, dass er die Karte sehr sicher konnte, wird ein höherer Faktor als bei “richtig” eingesetzt, z.B. 2,2. Das Wort wird weiter in die Zukunft geschoben und wird nicht unnötig schnell wieder vorgelegt. Dieses Verfahren hat bei großen Kursen enorme Vorteile. Schauen wir uns den Effekt an (das Wort wird immer auf “sehr sicher” gesetzt, Faktor ist 2,2):

20 h

44 h

4 d

9 d

20 d

43 d

94 d

208 d

457 d

2,7 a

 

 




Nach 4 Wiederholungen ist das Wort schon “weiter” als im obigen Fall nach 9. Die letzen beiden Felder sind akademisch, da die Lernsoftware normalerweise eine Obergrenze setzt, z.B. ein Jahr. Genaueres zur Einstellung der Lernparameter in FCD erfährst du hier. Eine graphische Darstellung der pools und der Bewegungen der Karten in FCD findest du hier (zurück über den zurück-Pfeil des Browsers).

3.2 Der Wiederholungsberg

SisyphosEs ist nämlich so, dass das Hauptproblem eines großen Kurses darin besteht, dass ein enormer Wiederholungsberg entsteht. Je mehr Karten gelernt wurden, desto mehr Karten müssen wiederholt werden, auch wenn sich ihre Intervalle vergößern. Jede Karte, deren Wiederholungszeitpunkt verstrichen ist, wartet darauf, dem Benutzer vorgelegt zu werden. Was aber, wenn der Benutzer ein paar Tage nichts tut? Der pool der zu wiederholenden Karten füllt sich unerbittlich weiter. Das gleiche passiert, wenn der Nutzer die Anzahl an einem gegebenen Tag nicht bewältigt. Sagen wir, es haben sich 120 zu wiederholenden Karten in den pool geschoben, und er wiederholt nur 50, dann drängeln sich die unbearbeiteten 70 am nächsten Tag vor die “Neuen” (z.B. wieder 120) und so weiter.

Sich darum nicht zu kümmern, löst das Problem nicht, denn je voller der pool wird, desto mehr verzögern sich die Wiederholungen über den berechneten, idealen Zeitpunkt hinaus, was dazu führt, dass der Benutzer immer mehr Karten auf “falsch” setzten muss. Deren Intervall verkürzt sich, und das erhöht in der Zukunft wieder die zu wiederholende Anzahl.

Man muss also Mittel und Wege finden, die Wiederholungslawine zu zähmen. Die wichtigste und naheliegende Methode besteht darin, nur dann neue Worte aufzunehmen, wenn man alle Wiederholungen abgearbeitet hat und danach noch Zeit und Lust hat. Das zweite Element ist Lerndisziplin. Es geht darum, jeden Tag dranzubleiben, selbst wenn es nur ein paar Minuten sind. Das dritte Mittel ist flexibles Hinausschieben von gut beherrschten Worten. Jede Software bietet die Option, eine Karte komplett auszuschließen.  Besser ist jedoch, die Möglichkeit zu haben, einzelnen Karten gezielt (beim Lernen) große Intervalle zuweisen zu können. Dies ist z.B. bei FCD der Fall.

3.3 Doppelte Statistiken

Sehr von Vorteil ist dabei, wenn das Programm 2 unterschiedliche Statistiken für die beiden Lernrichtungen einer Karteikarte führt.  Wenn einem also zu "el idioma" sofort "die Sprache" einfällt (und man „richtig“ eingeben darf), man aber auch nach längerem Starren auf die Karte "die Sprache" nicht fündig wird (und ”falsch“ eingeben muss), wird einem "die Sprache" sehr bald wieder gezeigt, während "el idioma" erst mit größerem Abstand wieder auftaucht. Wenn das Intervall händisch beim Lernen verändert werden kann, wir man in vielen Fällen das spanische Wort gleich auf einen sehr großen Abstand setzen, während man für die Zuordnung deutsch-spanisch ein paar Wiederholungen braucht, bis es sitzt.